Verblendung (Film, 2012)

Der Unternehmer Henrik Vanger bekommt jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine gepresste Blume von einem anonymen Absender mit der Post. Er vermutet, dass sie vom Mörder seiner Nichte Harriet – die im Sommer 1966 plötzlich spurlos verschwand – geschickt wird, um ihn in den Wahnsinn zu treiben.
Im Alter von 82 Jahren will Vanger noch einmal versuchen, ihr Verschwinden aufzuklären, und beauftragt damit den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist. Dieser ist bei Ermittlungen gegen den kriminellen Unternehmer Wennerström auf gefälschte Beweise hereingefallen und wegen Verleumdung zu einer Geldstrafe von 600.000 Kronen verurteilt worden. Niedergeschlagen verabschiedet er sich von der Redaktion seiner eigenen Zeitschrift Millennium und nimmt Vangers großzügig honoriertes Angebot an … (Quelle: Wikipedia.de)

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Da ich die schwedische Originalfassung bereits gesehen habe und mir die Geschichte mitsamt all ihren Wendungen bekannt ist, gibt mir dieser Film die Möglichkeit, mich ganz auf die Arbeit des mir noch unbekannten Regisseurs sowie seines Teams zu konzentrieren und ihn/sie so kennen zu lernen.
Der US-amerikanische Kultregisseur, für so manch einen Film berühmt und geliebt, nimmt sich dieses hochspannenden Stoffes an, ganz offenbar in dem Wissen, dass schon die schwedische Originalfassung von 2009 im Prinzip einwandfrei und gut genug war. Fincher selbst meinte, er wolle das Buch nicht komplett neuverfilmen sondern eher die ältere Filmfassung ergänzen, wobei fraglich ist, ob dies überhaupt notwenig ist. Auf diese Frage werde ich zum Ende meiner Kritik nochmals zu sprechen kommen.

Beginnen wir jedoch zuerst so, wie auch der Film begonnen hat: mit dem Intro, welches im Internet für mächtig Furore gesorgt hat und bei so manch einem als das beste Filmintro seit Jahren angesehen wird. Über die technische Umsetzung lässt sich hier nicht streiten, ist es doch beinahe unmöglich zu erkennen, was Effekt und was Realität ist. Jedoch kommt bei all den schnellen Schnitten nicht der Sinn des Intros zum Vorschein, und so kommt es am Ende dann auch, dass man sich fragt, inwiefern dieses Intro denn im Zusammenhang zum restlichen Film steht.
Selbstverständlich lässt sich in dieses Lisbeths einzigartiger Wahnsinn interpretieren, jedoch nur teilweise. Was das Intro im Nachhinein aufwerten würde, wären folgende Intros für mögliche folgende Fortsetzungen des Films, ergo Verfilmungen der Geschichten Verdammnis und Vergebung. Mit einem solchen Intro ließe sich die Trilogie besser von der ursprünglichen Filmtrilogie abgrenzen – und weitere solch stilistisch anschauliche Einleitungen könnten tatsächlich einmal Kult werden.

Da es soweit aber noch nicht gekommen ist, bleibt das Intro ein sinnfreier, chaotischer aber dennoch schick gemachter zweieinhalb-minütiger Clip.

Der Film schlägt in den folgenden über zweieinhalb Stunden deutlich ruhigere Töne an, lebt aber davon, dass er dennoch eine ungemeine Spannung verbreitet, die selbst jene ergreift, die mit der Geschichte bereits vertraut sind. Unterstützt von einem hervorragenden Sounddesign richtet Fincher seine Konzentration auf die beiden Hauptcharaktere, welche sich erst spät im Film begegnen. Dies ist mit der größte Unterschied zur schwedischen Filmfassung, lag bei dieser doch der Fokus merklich auf der Sache, auf dem Krimifall, was eine recht schnelle Begegnung erforderte. Bei beiden Filmen kommt jedoch das jeweils andere nicht zu kurz, man kann ihnen also keinen Vorwurf machen, die Charaktere oder die Geschichte vernachlässigt zu haben.

Während zu Beginn die 2012er-Fassung der 2009er-Fassung fast auf die Szene genau ähnelt, folgen im Laufe des Films so manche Unterschiede, die man auf die Eigenheiten des jeweiligen Drehbuchs zurückführen kann. „Mikaels“ Katze und seine Familie beispielsweise kommen in der schwedischen Fassung nicht vor, dafür bleibt es in Fichers Film bei Lisbeths Erklärung zu ihrer verstörten Kindheit, während Oplevs Film noch mit visuellen Rückblenden aufwartete.

Dennoch erreicht Lisbeth, verkörpert von Rooney Mara, auch in dieser Verfilmung einen legendären Charakter, erneut hervorragend gespielt zwischen größtem aggressiven Wahnsinn und stillster Zurückhaltung. Mara verleiht Lisbeth eine Emotionalität, die ihr in Verblendung von 2009 vorenthalten blieb, dafür fehlt ihr die unterkühlte Coolness, die die 2009er-Lisbeth, gespielt von Noomi Rapace, für mich zur besseren Lisbeth gemacht hat.
Letztlich kann man sagen, dass Mara und Rapace auf Augenhöhe spielen, mit unterschiedlichen Fokussierungen der Charaktereigenschaften, wie auch Daniel „James“ Craig und Mikael Nyqvist, bei denen man keinen dem anderen vorziehen möchte – wobei Nyqvist hier ein Bonus verliehen wird, da dieser quasi aus dem Nichts heraus dieselbe Rolle ebenso gut verkörpert hat wie ein bereits erfolgreicher und erfahrener Hollywoodstar.

Auch wenn die Grundhandlung ebenso leicht verwirrend wie detailliert erzählt wird wie schon 2009, erreicht sie kurz vor und während der Aufdeckung des Serienmörders Martin Vanger eine Grandiosität, fesselnd in sämtlichen Belangen, dass man dem Film am liebsten einen Oscar wünschen würde, wobei hier nicht von Bedeutung wäre, in welcher Kategorie. Ob Schauspiel, Musik, Ton, Schnitt oder Regie – der Film überzeugt zu bestimmten Zeitpunkten in sämtlichen Belangen und verleiht jeder Kategorie nicht weniger, aber auch nicht mehr Präsenz als ihr zusteht.
Dennoch teilt sich Verblendung dieselbe Schwäche mit ihrem Vorgänger – nach Martins Tod ist die Luft draußen. Nach zwei Stunden Nervenkitzel, feinster Ermittlerarbeit und einer Sexszene mehr als noch 2009, entweicht dem Film die Spannung und damit die Fibrigkeit des Zuschauers wie einem löchrigen Fass das Wasser. Die Aufdeckung Harriet’s Schicksals gerät bei all der Konzentration auf die Suche nach ihrem scheinbaren Mörder und dem Mörder der zahlreichen anderen vermissten Frauen in den Hintergrund und schafft es von dort nicht mehr hinaus. Autor Steven Zaillian gibt zwar sein bestes, mit dem von der 2009er-Fassung abweichenden Ende selbst die eigentlich aufgeklärten Zuschauer noch zu überraschen, doch rechnen diese bei all den vielen handlungstechnischen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen schlichtweg nicht damit und verpassen daher den Anschluss, wie Mikael auf die Idee der Rollenvertauschung Anita – Harriet gekommen ist.

Mit einer leicht emotional angehauchten Abschlussszene bringt Fincher seinen Film auf seine Art zu Ende und macht mit dieser klar, dass man eine Fortsetzung – Verdammnis – von ihm nicht erwarten kann. Während zwischen der 2009er-Verblendung und –Verdammnis Lisbeth die folgenden Treffen nach Lust und Laune einleitete, scheint es nun, dass sie kein Interesse mehr an Mikael hat.

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Was unter’m Strich bleibt, ist ein mit massig Product Placement ausgestatter 4 von 5 Sternen-Film, der Verblendung von 2009 weder unter- noch überlegen ist. Beide teilen sich dieselben Schwächen, sind bei ihren Stärken gleichauf miteinander, und haben unterschiedliche Gewichtungen, was die Belange des Films betrifft. Während Finchers Werk insbesondere in den klänglichen Künsten und den Kamerafahrten gegenüber Oplevs filmischer Version heraussticht, überzeugt Letztere durch ihr noch unbekanntes Team und die Tatsache, dass es sich dabei ursprünglich nicht um einen Kinofilm handelte. Wer eine der beiden Fassungen mag oder liebt, wird dasselbe auch bei der anderen empfinden.
Zuletzt möchte ich auf die Frage eingehen, die bereits zu Beginn gestellt wurde. Die Notwendigkeit dieses Films darf man auf Grund der auch qualitativen Ähnlichkeit zu der älteren Fassung anzweifeln; würde sich Fincher jedoch dazu bereiterklären, auch die Fortsetzungen Verdammnis und Vergebung, neuaufzulegen (beide hätten eine solche schon eher verdient), wäre dies der Anfang einer neuen Trilogie, und die Frage dürfte erst in ein paar Jahren gestellt werden.

Da Fincher mit seiner Abschlussszene jedoch die Befürchtung beim Annahme hinterlässt, sich aus dem Gebiet Stieg Larsson zurückzuziehen, darf man – wie bereits erwähnt – von keinen Fortsetzungen ausgehen. In diesem Sinne wäre Verblendung nicht notwendig gewesen, was aber bei dem Gefühl der Zufriedenheit, die den Zuschauer nach Abschluss des Films ergreift, nichtig wird. Es ist nämlich trotz allem sehr gute Kinounterhaltung.

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7 Responses to Verblendung (Film, 2012)

  1. Lukas says:

    Fand den Film auch absolut großartig, kenne allerdings leider weder Buch- noch Filmvorlage, weshalb ich mir die demnächst mal dringends (wie schon seit längerem geplant) zu Gemüte führen werde.

    Ach ja, zum Thema product placement: Ich weiß gar nicht, warum das bei vielen immer so einen negativen Beiklang hat. Klar, es ist Werbung und so, aber die sehe ich jeden Tag auch so. Das, was es einem Film meiner Meinung nach wie kaum etwas anderes (von Darstellern/Schauplätzen mal abgesehen) bringt, ist Glaubwürdigkeit. Ich muss irgendwie oft lachen, wenn aufgrund von Produktersatz irgendwelche Fantasiemarken auftauchen, die irgendwie vollkommen fehl am Platz wirken 😉

  2. mirolfm says:

    das product placement ist schon etwas zu heftig, damit ist aber wenigstens offiziell dass es wirklich nur um die kohle geht! wer den schwedischen film gesehen hat kann das kino erlebnis auslassen…

  3. Lichtschwert says:

    @ Lukas
    Product Placement finde ich persönlich deshalb nicht schön, weil es den Film und seine Macher käuflich werden lässt. Eine Firma, als Vergleich sei hier EPSON genannt, lässt die eigene Marke natürlich nicht einfach so im Film platzieren, sondern so, dass sie schön auffällt und auch schön aussieht.
    Dies kann dann irgendwann so weit führen, dass Marken das Drehbuch ändern können – wenn beispielsweise Audi den Hauptdarsteller mit einem schnieke Wagen ausstattet, will Audi selbstverständlich, dass dieser den Film heil überlebt. Sieht das ursprüngliche Drehbuch das nicht vor, gibt es im schlimmsten Fall Änderungen daran.
    Und inwiefern sich so etwas ähnliches bei Politikern auswirken kann, sieht man ja momentan an Wulff.

    @ mirolfm
    Grüß Gott, erst mal.
    Ja, das PP ist heftig, doch dass es hier nur um’s Geld ging, sehe ich nicht so, da der Rest des Films diesen Anschein nicht erweckt. Ist aber auch Meinungssache.

  4. Lukas says:

    Klar, wenn man den Hintergrund gesondert betrachtet, ist es unschön. Trotzdem: nennt mich naiv, aber wenn ich ins Kino gehe, um ein bestimmtes Filmerlebnis zu haben – so dramatisch das nun auch klingen mag, ich denke, ihr wisst, was ich meine – dann mache ich mir über so etwas keine Gedanken 😉
    Natürlich ist mir die Cola-Dose aufgefallen, die schicken Apple Notebooks, der dicke Audi… aber im Ernst: so sieht unsere Welt in vielen Teilen (vor allem den im Film gezeigten!) nun mal aus. Ob es richtig ist, das unter Werbeverträgen und Geschiebe von Millionen so zu zeigen, ist eine andere Frage, doch meiner Ansicht nach hilft es dem Film, zumindest kurzzeitig Glaubwürdigkeit durch etwas Bekanntes und beinahe schon Erwartetes zu verschaffen. Es geht auch ohne, natürlich, nur ist es wirklich nichts, was mich persönlich (und wirklich nur mich persönlich) großartig stören würde. Solange es nicht verdammt krass auf eine einzige Marke hinausläuft, wie Apple es bspw. in anderen Filmen durchaus schon geschafft hat.

  5. Lichtschwert says:

    „wie Apple es bspw. in anderen Filmen durchaus schon geschafft hat.“
    Zum Beispiel?

  6. Lukas says:

    Hm, also als aktuellstes Beispiel fällt mir spontan Transformers 3 ein, da hat man glaube ich so ziemlich ausschließlich Apple gesehen – und das auch in den Büroszenen. Über ähnlich krasse Beispiele müsste ich jetzt etwas nachdenken, zum Glück verdräng ich sowas immer recht schnell 😉

  7. Lichtschwert says:

    Eine auf gestalterische Reduktion ausgelegte Marke in einem auf gestalterische Überschwänglichkeit ausgelegten Film? Cool. Hat der Film offenbar doch noch so seine guten Seiten. 🙂

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